Heute ist Samstag und ich habe etwas in meinem früheren Blog gestöbert. Er wird sicher irgendwann gelöscht, aber noch ist es nicht geschehen.
Vielleicht kennt der Eine oder Andere die Geschichte von damals noch?
Die Vogelspinne
Es war eine düstere Novembernacht und ich war allein Zuhause.
Der Hund hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab.
Ich wälzte mich noch eine Weile hin und her, hörte das alte Haus ächzen und knarren und war gerade eingeschlafen, als ich spürte, dass es ganz hell im Zimmer geworden war. Ich öffnete die Augen und machte sie sofort wieder zu, da mich das Licht schmerzte. Meine Gedanken bekam ich nicht sortiert. In meinen Ohren dröhnte es. Angst machte sich breit. Was ist los mit mir? Ich muss aufstehen. Meine Angst wurde zur Panik, als ich fest stellte, dass ich mich nicht bewegen konnte. Ich muss mich bemerkbar machen, schoss es mir durch den Kopf. Erst einmal zur Ruhe kommen, durchatmen. Was ist geschehen? Das Licht nervte. Tränen füllten meine Augen. Ich muss um Hilfe rufen, aber wer soll mich hier hören?
Wo ist der Hund? Aicha war immer an meiner Seite. Ich lauschte. Da hörte ich ganz dicht neben mir ihr Winseln. Wenn ich sie dazu bringen könnte, Hilfe zu holen?
„A …“ Ich erschrak über die Töne, die aus meinem Mund kamen.
„Hallo Maria, wie geht es dir?“
Diese Stimme ging mir durch und durch. Sie klang unangenehm grell. Da konnte ich das Licht fast besser ertragen als diese Stimme, schoss es mir durch den Kopf.
“Ich habe dich auserwählt, mir zu helfen. Wenn du es nicht tust, wirst du dein Begräbnis besuchen können. Du kannst dich nicht bewegen, nur deine Augen hast du unter Kontrolle. Wenn du mir helfen willst, mache sie jetzt auf und wieder zu“, sagte diese grässliche Stimme.
Wobei sollte ich helfen? Wer verlangte da etwas von mir? Warum wird mir mit dem Tod gedroht? Hatte ich eine andere Wahl, als meine Zustimmung zu geben? Die Benommenheit und Starre war unerträglich. Dazu diese Eiseskälte, die ich mit einem Mal spürte. Krampfhaft versuchte ich, meine Gedanken zu sortieren. Dann entschloss ich mich, zuzustimmen, einen Rückzieher konnte ich immer noch machen. Langsam machte ich die Augen einmal auf und sofort wieder zu. Es war furchtbar anstrengend.
„Ja, das ist brav. Ich werde deine Benommenheit wieder aufheben, sowie du getan hast, was ich von dir verlange. Höre gut zu, denn ich erkläre dir nur einmal, was ich von dir verlange. Du wirst morgen zu deiner Nachbarin gehen. Sie gibt dir ein Päckchen, darin ist eine kleine, hübsche Vogelspinne. Die nimmst du an dich und gehst damit zu deiner Nichte Bettina. In ihrer Wohnung wirst du in einem unbemerkten Augenblick die Spinne in ihr Bett setzen. Du hast keine andere Wahl, als meinem Befehl zu gehorchen.“Ein abscheuliches Lachen füllte den Raum.
„Also, jetzt noch einmal die Augen auf und zu zum Zeichen deines Gehorsams“, lies dieses Ungeheuer seine Stimme erschallen.
Ich dachte, dass dieses Monster lange darauf warten kann, dass ich die Augen öffnen würde. Wut und Angst wechselten sich ab. Lieber ging ich drauf, als dass ich meiner Nichte eine giftige Spinne ins Bett setzen würde.
„Wird’s bald, öffne die Augen!“, die Stimme war jetzt scharf und laut.
Vergebens versuchte ich mich zu rühren, meinen Kopf zu schütteln. Es ging nicht. Dann werde ich sterben, das kann ich nicht ändern. Herr Jesus, steh mir bei, dachte ich.
„Neinnnnnnn“, schrie diese Stimme. „Du darfst nicht beten, das geht nicht“.
Ich darf nicht beten? Wer will mir das verbieten? Wenn ich nicht sprechen und mich nicht rühren kann, beten kann ich in meinen Gedanken jederzeit. Meine Angst fiel ab, Ruhe und Frieden machten sich breit. Ich atmete tief durch.
„Nein, ich werde mit Jesus reden, das kann mir niemand verbieten!“ Auf einmal konnte ich klar und deutlich sprechen. Ich öffnete die Augen, schaute mich um, sah eine schwarz gekleidete Gestalt, die furchterregende Grimassen schnitt. Ich zog die Bettdecke bis unters Kinn. Würde ich jetzt sterben? Hatte diese Gestalt wirklich Macht über mich?
„Was, du wagst es, mir zu widersprechen? Das wirst du büßen!“
Ich zitterte.
„Jesus, steh mir bei“, flüsterte ich. Ein Donnern war zu hören, die schwarze Gestalt schrie und flog durch die Decke des Zimmers davon. Was nun?
Mir wurde warm. Da erst bemerkte ich, dass ich mich bewegen konnte, dass dieses grelle Licht weg war. Ich stand langsam auf. Sofort war Aicha neben mir. Ich streichelte sie.
„Brave Aicha, ist alles wieder gut“. In jedes Zimmer schaute ich, immer darauf gefasst, dass gleich diese Gestalt wieder auftauchen würde. In der Küche machte ich mir einen Kaffee und trank ihn. Das heiße Getränk tat mir gut. Ich erschrak. Was war das? Da war sie wieder, diese Stimme. Diesmal kam sie aus dem Bad. Sollte ich hinein gehen? Aicha, die dicht an meiner Seite ging, stellte die Ohren auf. Im Bad war Licht, die Tür war verriegelt. Schnell lief ich ins Schlafzimmer, schloss die Tür ab und zog die Bettdecke bis über mein Gesicht. Ich betete wieder. Dann muss ich eingeschlafen sein.
Der Wecker klingelte. Ich stand auf, ging ins Bad, machte dort Licht. Alle Räume inspizierte ich, aber nichts war zu bemerken. Der nächtliche Spuk schien vorbei zu sein. Es klingelte an der Tür. Schnell nahm ich meinen Morgenrock, zog ihn über und öffnete die Tür.
„Hallo Maria, hast du verschlafen? Hier sind frische Schrippen, hast du schon Kaffee gekocht?“, so redend ging Bettina in die Küche, ich ihr hinterher. Während sie das Frühstück machte, zog ich mich an. Als wir dann beide am Frühstückstisch saßen, klingelte es erneut. Ich ging zur Tür.
„Hallo, Maria, bei mir wurde gestern ein Päckchen für Bettina abgegeben. Ich habe vorhin gesehen, dass sie zu dir gekommen ist“, sagte meine Nachbarin Marianne. Ich konnte sie nur entsetzt anstarren, ich hatte das Gefühl, als würde alles Blut aus meinen Körper weichen. Bettina kam an die Tür, sah mich an.
„Tantchen, was ist denn los? Setz dich bitte, du siehst aus, als sei dir ein Geist erschienen. Danke Marianne, da ist mein neues Parfum drin“. Ehe ich protestieren konnte, schob sie mich auf einen Stuhl, riss das Päckchen auf und zeigte uns die hübsche Flasche. Sie nahm den Verschluss ab und ein wohltuender Duft verbreitete sich. Erleichtert atmete ich tief durch. Als Marianne gegangen war, sagte Bettina zu mir:
„Tantchen, du zitterst ja. Komm, du musst dich hinlegen. So langsam mache ich mir Sorgen um dich“.
„Nein, Bettina, es ist alles in Ordnung, ich glaube ich hatte einen Alptraum“. Ganz überzeugend klang ich wohl nicht, denn Bettina bestand darauf, dass ich mich hinlegte. So legte ich mich im Wohnzimmer auf das Sofa, während sie das Radio anmachte. Leise spielte Mozarts kleine Nachtmusik. Bettina nahm ein Buch, machte es sich auf dem Sessel bequem. Die Ruhe tat gut. Ich schlief tief und fest ein. Als ich erwachte, lag ein Zettel neben mir. Darauf schrieb mir Bettina, dass sie gegangen sei. Ich solle sie anrufen, da sie sich Sorgen mache. Ich lächelte. Es tat mir gut, dass sich meine Nichte so rührend um mich kümmerte.
Erneut ging ich durch alle Zimmer, aber nichts deutete auf die Schrecken der letzten Nacht hin. War es nur ein Traum?
Es grüßt
Ika