Das kleine i
„Also, seid ihr bereit?“ fragte ich nach einem Blick auf meine Uhr. Eifrig nickten alle und riefen im Chor „Jaaaa“.Da fehlte doch ein Buchstabe, dachte ich. Ich sah in die Runde. Das O war ganz rund, das W machte sich breit. Alle sahen erwartungsvoll zu mir. Nur das i hielt den Kopf gebeugt. Ich gab den Einsatz.
„Oh hätt ch tausend Zungen nur, zu rühmen Jesu Gnad, zu rühmen Jesu Gnad und sene göttlche…“
„Stop, so geht das nicht!“, rief ich ärgerlich. „I, wo bleibt dein Einsatz?“ Es hob nicht einmal den Kopf, sondern blickte stumm vor sich hin.„Bist du krank?“, fragte ich sorgenvoll. Ich überlegte, was das i haben könnte. Alles sah zum i. Da fing es endlich an. Ganz leise, dass ich es kaum verstand.
„Ich will nicht mehr. Ich bin hier der unwichtigste Buchstabe überhaupt. Erst als ich drei Mal nicht an Ort und Stelle war, fiel es dir auf, dass…“
„Stimmt, nicht, mir ist es beim ersten Mal aufgefallen. Ich dachte nur, du hättest deinen Einsatz verpasst“, unterbrach ich ungeduldig.
„Aber, es geht auch ohne mich. ich will nicht mehr!“ Damit wurde das i noch kleiner und schmollte.
Das M und das O flüsterten:
„So eine Mimose!“, das S und das E nickten dazu.Das i hatte es gehört, lief rot an und sagte wütend:
„Ihr habt gut reden. Du, M bist groß und breit, das O ist dick und rund, alle haben eine Figur nur ich bin dünn, ein Strich in der Landschaft, kaum zu sehen. Wie oft habt ihr mich schon eingequetscht!“
„Aber hör mal, du liebes i, du hast als einer der wenigen einen Punkt über den Strich. Du siehst damit so schön aus“, begann ich zu schmeicheln.
„So, ich sehe mit dem Punkt schön aus?“, wurde ich nachgeäfft. „Und warum vergisst du dann so oft den Punkt? Oder ich muss ihn mir vom c oder anderen Nachbarn rüber holen. Fast immer ist er verrutscht“, jammerte mein kleines i nun. Ich musste einsehen, dass es recht hatte. Ich überlegte. Was sollten wir nun tun? Das i schmollen lassen? Damit hätte ich dem i nicht geholfen. Ohne i weiter machen? Aber, welches Lied geht denn da noch? Es wurde unruhig in den Buchstabenreihen. Alle schauten erwartungsvoll zu mir.
„Gut, dann müssen wir für heute leider abbrechen!“ Alles rief durcheinander. Das O und das W klagten laut und wischten sich die Tränen aus den Augen. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass das i auf seinen Platz hin und her rutschte. Dann meldete es sich.
„Ich, äh, ich… ihr könnt doch auch ohne mich…“ fing es an.
„Lass gut sein, ohne dich geht es nicht. Wir brauchen deinen Einsatz genauso wie jeden anderen hier. Wenn einer ausfällt, können wir nichts tun. Gemeinsam sind wir stark. Es geht nicht ohne dich!“
„Bitte, ich will ja nicht, ich meine…“ Tränen liefen dem kleinen I über das Gesicht. „Also, ich mach mit, entschuldigt bitte.“ Da klatschten alle Buchstaben in die Hände und freuten sich.
„Na, dann bitte ich um Ruhe und Konzentration!“ Und dann ging es sofort los:
„Oh hätt ich tausend Zungen nur, zu rühmen Jesu Gnad, zu rühmen Jesu Gnad und seine göttliche Natur.“
Ika Sand